<> Jenny Louise Becker
Lieber Hase,

hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine verwirrte Frau oder so;) oder ein guter Berater. Alle Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, besprechen mit ihren Beratern ziemlich genau, was sie sagen und wie sie es sagen, damit die Presse es nicht zerpflückt, umdeutet oder einfach nur entfesselt verbreitet.

Ich habe z.B. beim Kandidatengrillen im Wiki so ein “Nazi-Gate” gerade noch umschifft, weil mich mein Lebensgefährte gewarnt hat. Er meinte gleich: “Vergiss es, a) versteht das (noch) keiner, b) kann sich eine Partei als Organisation so eine differenzierte Sichtweise nicht leisten. Das geht schief”. Also habe ich es einfach gelassen, Neonazis auf eine Frage in die Richtung differenziert zu betrachten zu versuchen:) Denn, siehe Grass-Debatte: Deutschland ist (noch) nicht in der Lage, mit allem was mit dem Holocaust zu tun hat, direkt oder indirekt, mehrheitsmeinungsfähig differenziert umzugehen.

Ja! Ich finde auch, dass man junge Neonazis, die “aus Gründen” der schiefgegangenen Sozialisation zu Menschenhassern geworden sind, versuchen muss zu reintegrieren. Ja! Ich finde es gut, dass Du findest, die Piratenpartei in Deutschland sollte diesen Diskurs um die Einzelfälle intern nicht hoch kochen lassen, bis er wieder mal ein öffentlicher Diskurs geworden ist, sondern die Leute entweder nicht reinlassen oder versuchen, sie umzudrehen. Aber was ich nicht finde: Dass das für uns zum jetzigen Zeitpunkt möglich ist. Es geht nicht. Wir haben die Kapazitäten nicht. Wir müssen Nazis im jetzigen Zeitpunkt einfach nur umschiffen, wo es geht. Am besten gar keine Berührungspunkte: Weder in der Mitgliederdatenbank, noch in Interviews, noch in Blogbeiträgen, noch sonstwo. Wir wollen keine Nazis in unseren Reihen, basta. Wie Nazi die sind, wie lange schon, ob noch umdrehbar, spielt kein Rolle, Nazis sollen einfach draußen bleiben, bis wir in einem anderen Level von Organisationsentwicklung sind. DANN KÖNNTEN wir evtl. über emphatische, visionäre und sehr gut geschulte und erfahren Nazi-Umerziehungs-Eingreiftruppen nachdenken. 

Bis dahin sollten sich alle in der Öffentlichkeit stehenden Leute, auch Du, Berater suchen, bevor sie sagen oder schreiben. Was ist denn mit Deinen Vorstandskollegen? Warum helft Ihr Euch nicht gegenseitig? Dafür seid ihr doch als Team gewählt worden. Christiane kennt sich doch aus mit Wirkung von Kommunikation, sie ist doch Medienprofi! Dir wäre doch vom Knopfdrücken dieses Posts mit Sicherheit von ihr abgeraten worden. Sie sichert Dir doch den Rücken! Ich finde es gut, dass du Empathie für Schwache und Opfer hast, die zu Tätern geworden sind. Ich fordere auch keinesfalls Deinen Rücktritt. Wir sind ja schon mit viel mehr fertig geworden. Aber: lass Dich in Zukunft einfach besser beraten. 

Arrrrh! Jenny

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