Der Bremer Kongress “Quo vadis NATO? – Herausforderungen für Demokratie und Recht” (Programm, PDF) organisiert von den JuristInnen gegen Atomwaffen und für gewaltfreie Friedensgestaltung, IALANA, deren Vorstandsarbeit ich unterstütze, war eine spannende Veranstaltung von Anfang bis Ende mit über 200 TeilnehmerInnen. Die herrschenden Machtgefüge der internationalen Gemeinschaft und mit welchen undemokratischen und illegitimen Mitteln die Akteure ihre Macht sichern, ohne dabei das Wohl der ganzen Menschheit, z.B. nachhaltige Entwicklung, Bekämpfung des Hungers etc. im Blick zu haben, verführt mich immer wieder zur spontanen Sympathie mit Autokraten wie Iran oder Nord-Korea, die dem etwas entgegenzusetzen versuchen.
Gleich zu Beginn sprachen der Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano, allgemein bekannt geworden durch die Entdeckung des Guttenberg-Plagiats; Ex-MdB Norman Paech und ehemaliger UNO Assistant Secretary General und Humanitarian Coordinator Iraq Dr. Hans-Christoph Graf von Sponeck zu der eigenmächtigen Umwidmung der NATO vom Verteidigungsbündnis zum imperialen, unipolar denkenden militärischen Fühler der USA. Die NATO sei zu einer flexiblen Sicherheitsagentur geworden, deren Engagement sich weitgehend nicht mehr mit den vertraglich festgelegten Spielräumen decke.
Am nächsten Morgen führt Dr. Dieter Deiseroth, IALANA-Mitglied und Richter am BVerwG diese Linie in der Rede zur rechtlichen Situation von “Terrorismus und Anti-Terrorismus” fort, und verweist hier vor allem auf die aktuelle Hauptaufgabe der NATO, den internationalen “Kampf gegen den Terrorismus” zu führen und maßgeblich zu gestalten. Interessant waren dabei Deiseroths Ausführungen zu Terrorismus-Definitionen, und wie sich die offizielle Lesart von staatlichem Interventionismus plötzlich ändern kann:
I. Nationalistisch-separatistischer Terrorismus (z.B. zionistischer Terrorismus <Menachem Begin u.a.> in Palästina vor 1948; Südtiroler Terrorismus in den 1950er und 1960er Jahren; IRA in Irland; Tamil Tigers (LTTE) in Sri Lanka; Hezbollah im Libanon; ETA in Spanien)
II. Terrorismus als Bestandteil bewaffneter Konflikte von Aufständischen (Befreiungsbewegungen) gegen Kolonialismus und autoritäre Unterdrückungsregime (z.B. Nelson Mandela und ANC in Südafrika; Che Guevara und Aufständische in Südamerika)
III. Ökonomischer Terrorismus (z.B. Lord‘s Resistance Army in Uganda; Revolutionary United Front in Sierra Leone)
IV. Ideologischer Terrorismus
Sozialrevolutionärer T. (z.B. anarchistische und bolschewistische Anschläge im Zarenreich; Sendero Luminoso und MRTA in Peru; RAF in Deutschland; Brigate Rosse in Italien)
Rechtsterrorismus (z.B. Ku-Klux-Klan; Wehrsportgruppe Hoffmann; NSU)
Religiös-fundamentalistischer T. (z.B. Anschläge von Evangelikalen auf Abtreibungskliniken; Anschläge von Aum-Shinrikyo in Japan, von Sikh-Fundamentalisten in Indien und Pakistan etc.)
Radikal-islamistischer „antiwestlicher“ Terrorismus (z.B. Al-Qaida u.a.)
V. Staatsterrorismus
Terroristische Aktionen gegen die Zivilbevölkerung im Rahmen der Kriegsführung (z.B. Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki; Flächenbombardements im Vietnam-Krieg; terroristische Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen auf israelische Wohnhäuser )
Staatsstreich/Coup d‘état: z.B. von Belgien und den USA gestützter Staatsstreich in Zaire/Kongo mit Ermordung des demokratisch gewählten Präsidenten Patrice Lumumba am 17. 1.1961 unter belgischem Kommando; Staatsstreich der Obristen mit US/NATO-Hilfe in Griechenland 1967; gewaltsamer Sturz der Allende-Regierung am 11.9.1973 in Chile unter aktiver Beteiligung von CIA und anderen US-Stellen)
Undercover-Aktionen von staatlichen Geheimdiensten: z.B. GLADIO/Stay-behind-Aktionen im Rahmen der NATO; Zusammenarbeit von CIA und anderen Geheimdiensten bei Anschlägen der „Brigate Rosse“; Unterstützung von RAF-Terrorismus durch den KGB und die Stasi; Vorbereitung eines vorgetäuschten kubanischen Angriffs auf ein Zivilflugzeug im Rahmen der „Operation Northwoods“ <vom 13.3.1962> von Präsident Kennedy 1962 gestoppt; „Celler Loch“; mögliche Verbindung von deutschen Geheimdienststellen mit NSU-Terroristen)
Deiseroth endete mit Zitaten von Politikern, so etwa Schmidt in einem ZEIT-Interview (Link, am Ende):
ZEIT: Gab es denn eine besondere Form des Terrorismus in Deutschland durch Baader, Meinhof und die anderen?
Schmidt: Ich habe den Verdacht, dass sich alle Terrorismen, egal, ob die deutsche RAF, die italienischen Brigate Rosse, die Franzosen, Iren, Spanier oder Araber, in ihrer Menschenverachtung wenig nehmen. Sie werden übertroffen von bestimmten Formen von Staatsterrorismus.
ZEIT: Ist das Ihr Ernst? Wen meinen Sie?
Schmidt: Belassen wir es dabei. Aber ich meine wirklich, was ich sage.
(Zitatende)
Deiseroth ging dann noch auf die Völkerrechtswidrigkeit des Afghanistankriegs ein, die auch aus dem US-Krieg gegen den Terror resultiert.
Danach sprach Daniele Ganser, Leiter des Schweizer Institute for Peace and Energy Research über die NATO Geheimarmeen in Europa (Folien).
Ein sehr ausführlicher Bericht zur Tagung ist auch beim Bremer Friedensforum zu finden.
Samstagnachmittag konnte in insgesamt 7 Arbeitsgruppen Wissen vertieft werden. Ich sprach in der “Whistleblower”-Arbeitsgruppe anstelle von Anke Domscheidt-Berg, die aus privaten Gründen leider absagen musste, über Liquid Democracy und Partizipationsmöglichkeiten über soziale Netzwerke. Andere AG-Themen waren Drohnen, Cyberwar, Rechtsfragen zur Kundus-Affäre, Militär-Privatisierung, Rechtliche und demokratische Kontrolle über Streitkräfteeinsatz, uvm.
Der Theologe und Psychologe Eugen Drewermann plädierte am Sonntagmittag in seiner Kongress-Abschlussrede für den dringend notwendigen Austritt Deutschlands aus der NATO und erntete nach diesen aufwühlenden Faktenballungen langanhaltenden Beifall.















